Sie sind sich ihrer Pflicht bewusst: Strengere Anforderungen an Zugriffskontrollen, Nachvollziehbarkeit und Risikomanagement aus NIS2, DORA, ISO 27001 und BSI IT-Grundschutz stehen längst auf der Unternehmensagenda. Nur häufig rutscht die praktische Umsetzung etwas nach hinten. Denn zu viele Fragezeichen säumen den Weg hin zu einem stärkeren Schutz. Dabei können moderne PAM-Funktionen helfen, abstrakte Pflichten in konkrete Kontrolle zu übersetzen.
Grundprinzipien erkennen und umsetzen
NIS2, DORA, ISO 27001 oder der BSI IT-Grundschutz nennen Privileged Access Management, kurz PAM, meist nicht ausdrücklich als Pflichtmaßnahme. Sie bleiben allgemeiner und fordern kontrollierte Zugriffe auf kritische Systeme, begrenzte Risiken, nachvollziehbar vergebene Berechtigungen und gut dokumentierte Sicherheitsmaßnahmen. Genau hierfür setzt PAM an – wie auch unser Blogbeitrag „Regulatorischer Druck: Warum Zugriffskontrollen für NIS2, DORA und Co. wichtig sind“ tiefergehend beleuchtet.
Doch die Herausforderung beginnt nicht bei der Tool-Auswahl. Schließlich formulieren Gesetzestexte und Richtlinien keine Tool-Anforderungen. Sie verlangen sicherheitsrelevante Grundprinzipien, unter anderem im Bereich Zugriffskontrolle. Meist fehlt dafür ein solides Verständnis – von der Theorie hin zur Praxis:
- Was bedeutet „Zugriffe kontrollieren“ konkret?
- Welche Zugriffe gelten als privilegierte Zugriffe und sind besonders schützenswert?
- Wo bestehen aktuell Risiken? Wie lassen sie sich begrenzen?
- Wie lassen sich Berechtigungen nachvollziehbar vergeben?
- Welche Nachweise über Sicherheitsmaßnahmen wollen Auditoren sehen?
- Wie lässt sich die Wirksamkeit dieser Maßnahmen regelmäßig überprüfen?
An dieser Stelle entsteht überwiegend Unsicherheit. Die IT-Abteilung versteht die Technik. Die Compliance hat die Anforderungen im Blick. Fachbereiche sehnen sich nach möglichst wenig Reibung bei der täglichen Arbeit. Unternehmen verpassen es jedoch, diese Abteilungen und deren Bedürfnisse zu verbinden. PAM-Funktionen können hierbei helfen. Sie schlagen die Brücke zwischen regulatorischer Forderung, technischer Umsetzung, organisatorischen Prozessen und prüfbaren Nachweisen. Und doch fragen sich viele Organisationen: Wo setzen wir realistisch an, um ein ausuferndes, teures Transformationsprojekt zu vermeiden?
It’s a match: Welche Anforderung sich mit welcher PAM-Funktion erfüllen lässt
Wichtig ist vorab klarzustellen: PAM ist nicht die eine Lösung, um allen regulatorischen Anforderungen zu entsprechen. Aber PAM kann einzelne wiederkehrende Grundprinzipien der angeführten Rahmenwerke in konkrete Maßnahmen überführen.
Überblick über privilegierte Zugriffe schaffen
Auditfrage: Welche privilegierten Konten existieren und wer ist dafür verantwortlich?
Es kann nichts geschützt werden, von dessen Existenz Unternehmen keine Kenntnis haben. Daher sollten sie zunächst genauer hinsehen und privilegierte Konten identifizieren. Neben klassischen Admin-Konten gibt es Service Accounts, technische Benutzer, Cloud-Rollen, API-Keys, Notfallkonten oder Dienstleisterzugriffe.
Wer nochmals von vorne ins Thema einsteigen will, findet Antworten in unserem Blog „Was ist Privileged Access Management? Grundlagen und Best Practices“.
PAM unterstützt an erster Stelle bei der Inventarisierung privilegierter Konten. Auch die Identifikation kritischer Systeme und Zugriffe ist mithilfe moderner PAM-Lösungen einfacher und schneller möglich. Herrscht Klarheit darüber, welche privilegierten Konten vorliegen, können Verantwortliche damit beginnen, diese nach Risiko und Kritikalität zu priorisieren. Außerdem erleichtert die gewonnene Transparenz die Zuordnung passender Owner.
Rechte auf das notwendige Minimum begrenzen
Auditfrage: Warum besitzt eine Person oder ein Konto genau diese Rechte – und wann wurde die Vergabe zuletzt überprüft?
Viele Firmen ähneln sich beim Thema Admin-Rechte, da diese in diversen Umgebungen historisch gewachsen sind. Nutzer, Prozesse oder technische Konten haben oft mehr Rechte, als sie benötigen – und erhalten diese dauerhaft, ohne die Notwendigkeit regelmäßig zu überprüfen. Das erhöht die Angriffsfläche und erschwert Compliance-Nachweise.
Mit dem Least-Privilege-Prinzip, rollenbasierten Berechtigungen, zeitlich begrenzten Rechten und Just-in-Time-Access zählen derartige dauerhafte Privilegien nicht länger als Standard. Stattdessen übernimmt eine bedarfsgerechte Zugriffskontrolle die Steuerung privilegierter Rechte. Regelmäßige Rezertifizierungen verhindern, dass Rechte über längere Zeit unbeobachtet bleiben.
Kritische Zugriffe stark absichern
Auditfrage: Wie wird sichergestellt, dass privilegierte Zugriffe nicht nur über Benutzername und Passwort geschützt sind?
Sicherheit ist mehr als die Angabe von Benutzername und Passwort. Das betrifft Konten per se, aber privilegierte Konten, die auf hochsensible Daten und Unternehmensinformationen Zugriff gewähren, noch viel mehr. Besonders kritisch zu bewerten sind Zugriffe auf Produktivsysteme, Cloud-Umgebungen, Datenbanken, Security-Tools oder Administrationsoberflächen.
PAM-Lösungen sollten daher einige Sicherheitsvorkehrungen bieten, insbesondere eine Multi-Faktor-Authentifizierung für privilegierte Zugriffe. Dabei müssen sich menschliche und nicht-menschliche Identitäten über mindestens zwei voneinander unabhängige Faktoren authentifizieren. Darüber hinaus sollten diese drei Vorgaben gelten: Ein Zugriff darf ausschließlich aus definierten Umgebungen oder Zeitfenstern erfolgen. Bei besonders kritischen Systemen sind zusätzliche Freigaben erforderlich. Für jeden Zugriff gelten kontextbasierte Zugriffskontrollen.
Freigaben nachvollziehbar gestalten und dokumentieren
Auditfrage: Wer hat den Zugriff auf welcher Grundlage und für welchen Zeitraum genehmigt?
Kritische Rechte werden häufig per E-Mail, Ticket oder informeller Absprache vergeben. Dadurch ist später schwer nachvollziehbar, wer welchen Zugriff warum genehmigt hat. Genau diese Nachweisbarkeit fordern viele Gesetze und Richtlinien, um Maßnahmen überprüfbar zu machen.
Manuelle und über mehrere Systeme verstreute Dokumentationen sind heute oftmals vorzufinden. Eine Erleichterung versprechen digitale Genehmigungsworkflows und eine automatische Dokumentation der Entscheidung. Organisatorisch können Unternehmen die Funktionen eines modernen PAM unterstützen, indem sie Prozesse für Rechtevergabe, Änderung und Entzug definieren, klare Rollen für Antragsteller, Genehmiger und Systemverantwortliche formulieren und ein Vier-Augen-Prinzip bei kritischen Zugriffen einführen.
Theoretisch verstanden. Praktisch umgesetzt!
Offengestanden: Das oben Beschriebene klingt für viele Verantwortliche noch recht theoretisch. Die PAM-Implementierung stufen sie technisch und organisatorisch als Mammutaufgabe ein. Der Anspruch, sofort alle privilegierten Zugriffe vollständig zu kontrollieren, blockiert den Start. Doch alles auf einmal und besser gestern als morgen sollte nicht der Zielgedanke sein. Viel wichtiger ist ein risikobasierter Ansatz. Organisationen sollten also dort beginnen, wo sie Risiken hoch bewerten und die Wirkung groß einschätzen. Diverse PAM-Projekte haben uns gezeigt: Diese fünf Schritte sind zielführend.
Schritt 1: Kritische Systeme priorisieren
Es ist zwar vorausschauend, die komplette IT-Landschaft unter die Lupe zu nehmen. Aber Unternehmen kommen schneller zum Ziel, wenn sie kleine Schritte gehen. Heißt, dass sie zuerst den Fokus auf Systeme lenken sollten, die besonders kritisch sind. Die zentrale Frage: Wie schwerwiegend wären die Folgen, wenn ein solches System kompromittiert würde?
Zunächst sollten Produktivsysteme, Cloud-Administrationszugänge, Datenbanken, Security-Tools, Produktions- und OT-nahe Systeme ebenso wie externe Dienstleisteranbindungen mit ihren privilegierten Zugriffen in den Mittelpunkt rücken.
Schritt 2: Privilegierte Konten sichtbar machen
Im zweiten Schritt geht es darum, Transparenz zu schaffen: Welche privilegierten Konten existieren? Wem gehören sie? Auf welche Systeme greifen sie zu? Welche Rechte sind dauerhaft aktiv? Und welche Zugriffe werden noch benötigt? Erst wenn diese Übersicht vorliegt, können Unternehmen Risiken bewerten, Verantwortlichkeiten zuordnen und entscheiden, welche Konten sie zuerst in die PAM-Strategie einbeziehen.
Dabei berücksichtigen moderne PAM-Tools optimalerweise nicht nur klassische Admin-Konten, sondern auch Service Accounts, technische Benutzer, Cloud-Rollen, API-Keys, Notfallkonten oder Zugänge externer Dienstleister.
Schritt 3: Quick Wins umsetzen
Die ersten Schritte haben bereits den Weg aufgezeigt: Teams wissen nun, welche Systeme besonders kritisch sind und welche privilegierten Konten dort eine Rolle spielen. Daraus lassen sich erste Maßnahmen ableiten, die schnell Wirkung zeigen – ohne die komplette IT-Landschaft umzustellen.
Zu den wichtigsten Quick Wins gehört es, dauerhafte Admin-Rechte zu reduzieren, Multi-Faktor-Authentifizierung für privilegierte Zugriffe einzuführen und geteilte Konten zu kontrollieren oder schrittweise abzulösen. Auch externe Dienstleisterzugriffe sollten Verantwortliche zeitlich begrenzen, Notfallkonten klar regeln und erste Protokollierungen aktivieren.
Schritt 4: Pilotbereich auswählen und testen
Nun geht es an die Umsetzung und ans Testen, Testen und Testen. Dafür schauen Organisationen nicht auf das große Ganze, sondern im Idealfall auf einen geeigneten Pilotbereich. Denkbar ist eine Admin-Gruppe, ein bestimmtes kritisches System, ein externer Dienstleisterzugriff, ein Cloud-Admin-Zugriff oder eine Datenbankadministration.
Hierbei prüft die IT, ob Prozesse sauber ablaufen, notwendige Nachweise erzeugt und dokumentiert werden und die technische Integration erfolgreich war. Es lohnt sich gleichfalls, bei den Mitarbeitern nachzufragen, ob sie mit den neuen Prozessen und Authentifizierungsmethoden zurechtkommen. Denn Mitarbeiterakzeptanz ist genauso wichtig wie technische Funktionsfähigkeit.
Schritt 5: Weiter skalieren
Ist das Pilotprojekt erfolgreich abgeschlossen, lassen sich weitere Systeme anbinden. Der Vorteil: Mitarbeiter werden nach und nach an die neuen Prozesse herangeführt und die IT-Abteilung kann Erfahrungen aus dem Pilot nutzen, bevor PAM breiter ausgerollt wird.
Gleichzeitig lassen sich wiederkehrende Prozesse etablieren, etwa regelmäßige Access Reviews, Rezertifizierungen und Reports für Compliance und Management. So wächst PAM kontrolliert in die bestehende IT- und Governance-Landschaft hinein.
Theoretisch. Praktisch. Gut!
Regulatorische Anforderungen wirken oft abstrakt. Daher scheuen sich viele Unternehmen, den ersten Schritt zu gehen. Oder sie eilen los, ohne sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Wollen Verantwortliche sich dem Thema Zugriffskontrolle widmen, sollten sie daher kurz innehalten und sich auf einzelne Kernfragen berufen: Wer darf was? Warum? Wie lange? Wer hat es genehmigt? Wie wird es dokumentiert? PAM hilft, diese Fragen strukturiert zu beantworten – und zwar Schritt für Schritt. Damit wird aus regulatorischer Pflicht eine konkrete Sicherheitspraxis.
